Kunst & cocktails â 6
â RĂŒckblicke
Serien â
Nathalie Krall
Der geteilte Winterhimmel
Hinweis: Dieser Text ist ein Werk der Fiktion. Obwohl viele Anspielungen auf reale Orte und Personen enthalten sind, erhebt der Text keinen Anspruch auf historische AuthentizitĂ€t. Er soll vielmehr ein Vorgeschmack auf die Dezember-Ausgabe von âKunst & Cocktailsâ im ArtVenture Club bieten, wenn uns Stefan virtuell durch die Ausstellung âDer unteilbare Himmel. Paula Modersohn-Becker und ihre WeggefĂ€hrtinnenâ fĂŒhrt und wir das Online-Event mit einem warmen Apfelpunsch begleiten.
Worpswede, 19. November 1907.
Der Wind hat sich gelegt. Das Moor liegt ruhig und sacht da. Nur das feine Klirren in den Spitzen der kahlen Birken erinnert hier drinnen daran, dass der Winter Einzug hÀlt. Im kleinen Haus ist es still, das Kind schlÀft. Endlich.
Paula sitzt aufrecht im Bett, das Kissen fest im RĂŒcken. Das Licht der Kerosinlampe wirft sanfte Schatten ĂŒber die Zimmerdecke und hinaus in die Dunkelheit jenseits des Fensters. Auf dem Nachttisch, auf einem kleinen gusseisernen Stövchen, steht eine Tasse, aus der gemĂŒtlich Dampf aufsteigt. Daneben liegt der Ausstellungskatalog der wunderbaren Gauguin-RĂŒckschau im Salon dâAutomne, der Einband abgegriffen vom vielen Lesen, vom vielen BlĂ€ttern â vom vielen Lieben.
DrauĂen ragen die weiĂen StĂ€mme der Birken wie Knochen aus der kargen Landschaft. Zwei Birken. Paula kennt sie gut und kann ihre Umrisse sogar im Dunkeln erahnen. WeiĂ vor dem stillen, schwarzen Moor. Erste zarte Schneeflocken tanzen vor dem Fenster, kaum sichtbar, im Lichtkegel der Lampe zur Erde hernieder. Morgen frĂŒh, denkt sie, wird Worpswede vielleicht schon weiĂ sein â bedeckt wie von einem groĂen, kalten Leichentuch, das sich ĂŒber alles legt. Doch jetzt, hier, in der kleinen Kammer mit der niedrigen Decke und dem lustig bullernden Ofen mit seinen schimmernden grĂŒnen Kacheln, ist es warm. GemĂŒtlich. BehĂŒtet.
Der Duft von Apfel und Zimt steigt ihr in die Nase und sie blickt auf die Tasse. Wilhelmine Borchert hatte den Punsch noch vor ihrem abendlichen Heimweg zubereitet. Minna, wie sie hier alle nennen, lĂ€sst nur die guten Kaiser-Wilhelm-Ăpfel ins Haus. Alles andere, sagt sie, âist kein rechter Apfelâ. Aber Paula glaubt, dass auch die NamensĂ€hnlichkeit ein Grund ist.
Sie lĂ€chelt sanft und denkt an Bauer Hinnerk, den wettergegerbten Mann mit den rauen HĂ€nden und der rauen Stimme und einem Herz aus Gold. Jeden Herbst tuckert er von seinem Appelwisch bei HĂŒttenbusch los und fĂ€hrt die Ernte auf einem klappernden Holzkarren ĂŒber die Dörfer. Wenn im Oktober die ersten Herbstnebel zwischen den BĂ€umen hĂ€ngen, hört man im Dorf schon von Weitem das Knarren seiner WagenrĂ€der und weiĂ: Hinnerk is opân Weg!
âFrischer Kaiser Wilhelm! SĂŒĂ und fest!â, hört man ihn dann auf der FindorffstraĂe laut rufen â und die Kinder laufen ihm entgegen.
Hinnerks Ăpfel sind rund und rotbackig, mit herrlichen Rostpunkten und von famoser Farbe, voller Sonne und Geschichte. Sie tragen die Erinnerung an den Sommer, an goldene Nachmittage im Moor und an das Rauschen der Streuobstwiesen in sich. Wunderland, Götterland. In Worpswede kennt jeder den Hinnerk. Er beliefert die HĂ€user der Dorfbewohner, der Bauern und der KĂŒnstler gleichermaĂen â und manchmal lĂ€sst er ein paar besonders schöne Exemplare fĂŒr Frau Modersohn in einem Korb an der Haustreppe zurĂŒck, âweil sie die Ăpfel so malt, dass einem gleich das Wasser im Mund zusammenlĂ€uftâ.
Und so fand die Sorte auch in diesem Jahr ihren Weg in die KĂŒche auf dem Worpsweder HĂŒgel. Minna hatte die Ăpfel im Herbst zu Saft verarbeitet, der nun als köstliches Gold in groĂen Flaschen auf den Holzregalen im kĂŒhlen Keller steht. Heute Abend hatte sie den SĂŒssmost mit GewĂŒrzen vom Kaufhaus Stolte gespickt und alles langsam ziehen lassen, bis das ganze Haus nach âAppel un Kanelâ duftete, wie Minna sagt. Bevor sie nach Hause ging, hatte sie die KĂŒche still gemacht und den Topf mit dem Punsch auf den noch warmen Herd gestellt. Otto hat ihn Paula dann spĂ€ter ans Bett gebracht, mit einem kleinen Kluntje Kandis, der lustig in der Greetsiel-Tasse knisterte. Der Gute!
âIch hab dir einen kleinen Schuss Calvados hinein gegeben,â hat er gesagt und dabei jungenhaft gegrinst, bevor er sie auf die Stirn kĂŒsste und loszog â mit Hans, Heinrich und den Fritzes.
Paula kann sie förmlich vor sich sehen: Bei Heinrich im Barkenhoff, im GesprĂ€ch vor einem neuen Werk im Werden und gemeinsam pfeiferauchend vor dem lustig prasselnden Kaminfeuer. Clara und Ottilie sind bestimmt auch dabei. Paula packt die Sehnsucht und es zieht ihr ums Herz. Wie gerne wĂ€re sie jetzt dort, wĂŒrde mit Clara klönen und zeichnen und lachen. Paula zieht ihren wollenen Schulterschal enger um ihr weiĂes Nachthemd. Doch wĂ€hrend der Gedanke noch nachhallt, schaut sie zu Tille in der Wiege, die mit ihren runden roten BĂ€ckchen friedlich schlummert. Und im Nu ist Paula nur noch genau hier, an diesem Ort, in diesem Moment. Liebevoll schaut sie auf ihre Tochter.
Sie nimmt die weiĂe Tasse mit dem verspielten blauen Blumendekor und spĂŒrt die WĂ€rme in beiden HĂ€nden. Das Porzellan hat oben eine Macke. Doch wenn man die Tasse ein klein wenig dreht, fĂ€llt es kaum auf.
Der Punsch schmeckt sĂŒĂ, nach saftigen Obsthainen im Sonnenlicht. Und auch ein bisschen angenehm bitter, von den Nelken aus Ceylon, dem Muskat von den Molukken, dem sĂŒdchinesischen Sternanis â und den getrockneten Zitrusschalen, die Mining letztens vom Kolonialwarenladen Holtorf in Bremen mitgebracht hatte, dort, wo man in den Schubladen die ganze Welt der GewĂŒrze findet.
Paula kann den Calvados erahnen. Und denkt an Bernhard, an Paris, an die neue Kunst und all das, was dort hÀtte sein können.
âWie schadeâ, seufzt sie leise vor sich hin.
Bernhard Hoetger und sie â sie hatten sich dort gefunden, in der Stadt der KĂŒnstler und des Lichts, wo Formen und Farben irgendwie anders ineinander zu flieĂen schienen. Er war es, der sie mitgenommen hatte ins Le Petit Bouillon Pharamond, lĂ -bas, in Les Halles. Zwischen bemalten Spiegeln, bois dorĂ© und feinen Ornamenten des Art Nouveau hatten sie gesessen, dicht beieinander, und ĂŒber Tripes Ă la mode de Caen und Tarte aux Pommes mit Calvados angestoĂen â mit dem Traum von einer fortschrittlichen Kunst, jenseits aller traditioneller Normen. Ach, es waren Göttertage! Und Bernhard war es auch gewesen, der ihr zum Abschied die Flasche Calvados ins GepĂ€ck gesteckt hatte. Unbemerkt. Sie hatte die schlanke Flasche mit dem bernsteinfarbenen Ambrosia erst zurĂŒck im Teufelsmoor entdeckt. Mit einem kleinen GruĂ in seiner Handschrift: âAdieu, ma chĂšre Paula!â
Sie lehnt sich zurĂŒck, merkt wie der Abend langsam ausklingt in den flĂŒchtigen Aromen vom Obst des Sommers und den GewĂŒrzen ferner Orten. Das Kind atmet ruhig. Der Schnee fĂ€llt jetzt dichter. Doch fĂŒr einen Augenblick scheint der Himmel geteilt â zwischen dem kalten Licht da drauĂen und der warmen Glut im Innern, hier, wo Leben und Kunst, wo Liebe und Abschied heute Abend irgendwie anders ineinanderflieĂen.
Unser Cocktail
L’Or du Teufelsmoor
Zutaten (fĂŒr 2â3 Tassen):
500 ml naturtrĂŒber Apfelsaft (idealerweise von alten Sorten, z. B. Kaiser Wilhelm, Bischofshut, Echter Winterstreifling)
1 Zimtstange
2â3 GewĂŒrznelken
1 Sternanis
1 kleine Prise frisch geriebene Muskatnuss
Schale einer halben unbehandelten Orange oder Zitrone
1â2 TL Kluntje Kandis, brauner Zucker oder Honig (nach Geschmack)
2â4 cl Calvados
Zubereitung:
Apfelsaft mit GewĂŒrzen und Zitrusschale langsam erhitzen, nicht kochen.
Etwa 10 Minuten bei kleiner Hitze ziehen lassen.
Kluntje Kandis, braunen Zucker oder Honig in eine vorgewÀrmte Tasse geben.
Den Apfelsaft durch ein feines Sieb abseihen und in die Tasse gieĂen.
Mit Calvados verfeinern, umrĂŒhren und heiĂ servieren.
Tipp: Wer mag, kann den Punsch alkoholfrei genieĂen oder alternativ zum Calvados mit einem Schuss Apfelbrand oder Cidre abrunden.
Ein Schluck Geschichte
Der Apfel, aus dem dieser Punsch gemacht ist, trĂ€gt Geschichte in sich â als Frucht und als Spiegel seiner Zeit. Es ist der âKaiser Wilhelmâ, krĂ€ftig, rund und leuchtend wie eine spĂ€te Sonne, die sich noch einmal ĂŒber das Moor legt, ehe der Winter kommt.
Eine Sorte, die bereits um 1900 in Norddeutschland weit verbreitet war. Rotgold, wĂŒrzig, nordisch-robust â wie geschaffen fĂŒr die schweren, dunklen Böden rund um Bremen und Worpswede, wo das Moor die Wurzeln nĂ€hrt und die KĂ€lte den Geschmack verdichtet. Seine FrĂŒchte speichern das Licht des Sommers und schenken es im Winter als WĂ€rme zurĂŒck â in Kuchen, im Saft, im Punsch, in den HĂ€nden und in den Herzen.
Doch geboren wurde dieser Apfel nicht am Rand der Moore des Nordens, sondern viel weiter sĂŒdlich, an den Ufern des Rheins: Man schrieb das Jahr 1864, als der Hauptlehrer und Pomologe Carl Hesselmann (1830â1902) in seinem Schulgarten am Haus BĂŒrgel bei Monheim diese neue Frucht entdeckte. Zwischen den vertrauten BĂ€umen und StrĂ€uchern stach ihm eines Tages eine krĂ€ftige, rundliche Frucht ins Auge, mit einer Schale wie glĂŒhende Kohlen und einem Duft, der selbst an frostigen Tagen noch vom Sommer erzĂ€hlt.
Hesselmann war ein Mann mit Sinn fĂŒr das Besondere und fĂŒr gute Geschichten, die bleiben. Begeistert von dieser neuen Sorte, wollte er ihr einen Namen geben, der Bestand haben wĂŒrde. Und was lag im Jahr 1864, im Glanze des jungen Kaiserreichs, nĂ€her, als sie nach dem Herrscher selbst zu benennen? FĂŒnfunddreiĂig FrĂŒchte schickte er als Geschenk an den Hof Kaiser Wilhelms I., begleitet von einem höflichen Gesuch, den Apfel in kaiserliche Ehre zu taufen. Die Antwort lieĂ nicht lange auf sich warten: Der Kaiser zeigte sich angetan und erlaubte den Namen fĂŒr âdiesen wahrhaft majestĂ€tischen Apfelâ. Die Paradiesfrucht hatte ihren Platz in der Geschichte gefunden.
Mit diesem Akt der höfischen Aufmerksamkeit begann der Triumphzug des âKaiser Wilhelmâ. Bald schon stand er in Schul- und PfarrgĂ€rten, auf den Streuobstwiesen Westfalens und am Rand der Moorhöfe in Worpswede. Ein Apfel fĂŒr alle, vom BĂŒrger bis zum Bauern, von der Malerin bis zur Magd.
Er gehört zur Familie der Goldrenetten, ist wĂŒrzig, sĂŒĂ-sĂ€uerlich, mit einem Hauch von Himbeere im saftigen Fleisch und einer Haut wie herbstliches Licht: goldĂŒberhaucht, mit tiefem Rot an den Wangen. Ein Apfel mit Geduld, der selbst im Januar noch duftet, als kĂ€me er frisch vom Baum und hĂ€tte die WĂ€rme des Sommers bewahrt, um sie an kalten Wintertagen weiterzugeben.
Und so flieĂt er nun, hier in unserem LâOr du Teufelsmoor, in einen winterlichen Punsch, der nach Ăpfeln, Zimt und Erinnerung schmeckt. Ein Schluck Geschichte, ein Hauch von Fernweh â und eine kleine Verneigung vor dem goldenen Glanz des herbstlichen Moors, das Paula Modersohn-Becker einst so liebte.
Ăber die Autorin
Nathalie Krall, M.A.
Nathalie lebt in DĂŒsseldorf-Flingern und bewegt sich als freiberufliche Kunsthistorikerin und Artist Liaison zwischen Bildschirm, Buch, Atelier und Institution. Sie begleitet KĂŒnstler:innen durch die Höhen und Tiefen des Kunstmarkts und gestaltet mit collectAR neue Wege, Kunst digital zu bewahren und durch Augmented Reality und Storytelling lebendig erfahrbar zu machen. Als Initiatorin und Vorstandsvorsitzende vom ArtVenture Club e.V. setzt sie sich fĂŒr eine gerechte, vielfĂ€ltige und nachhaltige Kunstwelt der Zukunft ein. Sie ist Initiatorin und Koordinatorin des FrauenOrts NRW fĂŒr die JugendstilkĂŒnstlerin Ilna Wunderwald (1875â1957) in DĂŒsseldorf, ein Projekt des FrauenRat NRW e.V., das lebendige Erinnerungskultur fördert und sichtbar macht: Frauen schreiben (Kunst-)Geschichte.
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